Fan Chan – My Girl
[inspic=9,left,,0]Auf den 54. Internationalen Filmfestspielen Berlins (Berlinale) im Jahre 2004, schickte Thailand gleich sechs Filme ins Rennen: Beautiful Boxer, Baytong, Satree Lek 2 (Iron Ladies 2), Last Life in the Universe, The Adventure of Iron Pussy und Fan Chan (My Girl).
Ich möchte hier speziell auf den letztgenannten Film Fan Chan, welcher im Rahmen des Internationalen Forums des Jungen Films gezeigt wurde, eingehen.
In Thailand sorgte dieses ungemein fantasievolle und einfallsreiche Debüt von sechs jungen Regisseuren für den Überraschungserfolg des Jahres. Kein anderer Film spielte 2003 mehr Geld an den Kinokassen ein.
Die sechs Regisseure lernten sich bereits vor elf Jahren bei ihrem Studium für Fotografie und Film an Thailands berühmtester Universität, der Chulalongkorn Universität in Bangkok, kennen. Nach dem Abschluss trennten sich zunächst ihre Wege. Fan Chan ist ihr erster gemeinsamer Spielfilm.
Dieser sehr tiefgehende, gefühlvolle Film mit vielen lustigen aber auch traurigen Momenten, spricht sowohl Jung als auch Alt an. Zentrales Thema sind Kindheitserinnerungen und die erste große Liebe, aber auch Erinnerungen an die Unschuld der Jugend, an Freundschaft, Liebe und Hass.
Der Film erzählt aus der Sichtweise Jeabs, einem jungen Mann Anfang zwanzig und beschreibt seine Kindheitserinnerungen in dessen Heimatstadt Phetchaburi, in Zentral-Thailand.
Damals spielte er immer mit Noi Nah, seiner besten Freundin, welche er von klein auf kannte. Jungen gab es kaum in der unmittelbaren Nachbarschaft; die meisten aus seiner Schule wohnten auf der anderen Seite der Hauptstraße und diese durfte Jeab mit seinem Fahrrad nicht überqueren. So spielte er also immer mit Noi Nah, welche als einzige als “Freund” in Frage kam, und ihrer Mädchen-Clique. Dies störte ihn aber nicht weiter, obwohl es meistens nur um “Mädchenkram” ging.
Als er älter wurde, keimte in ihm jedoch immer mehr der Wunsch nach Jungenspiele auf und so überquerte er eines Tages, endlich mutig genug, die Hauptstraße. Er freundet sich mit einer Jungen-Gang an und wird letztendlich in diese aufgenommen.
Ausgerechnet diese Jungen-Gang feindet sich dann aber mit Noi Nah und ihrer Clique an. Als Mutprobe und um zu zeigen was für ein ganzer Kerl er ist, legt sich Jeab mit Noi Nah an und verhaut sie.
Das tragische an der Geschichte ist, dass Jeab nie die Gelegenheit bekam sich bei Noi Nah zu entschuldigen, denn kurz darauf zieht sie mit ihren Eltern in eine andere Stadt und ihre Wege trennen sich abrupt. Erst jetzt beginnt Jeab zu erkennen, was er eigentlich schon immer für Noi Nah empfunden hat und das sie weitaus mehr als “nur” seine beste Freundin war.
Doch was hatte diesen Kindheitserinnerungsschub bei Jeab ausgelöst? Heute hat er eine Einladung zu Noi Nahs Hochzeit bekommen und er wird auf alle Fälle hingehen!!!
Der Einladung folgend kehrt Jeab an die Orte seiner Kindheit zurück und fühlt sich doch als Fremder unter Fremden. Diese Last fällt erst von ihm ab, als er Noi Nah auf der Hochzeitsfeier gegenüber steht. Als sie sich zu ihm umdreht, schaut er in das Gesicht des kleinen, niedlichen Mädchens von damals und ist glücklich.
Über zehn Jahre sollte es also dauern, bis sich beide auf Noi Nahs eigener Hochzeit wiedersehen. Im Herzen hatte Jeab sie jedoch nie ganz vergessen – seine erste große Liebe!!!
Besonders die Kinderdarsteller begeisterten das Berliner Publikum. Allesamt sind sie keine professionellen Schauspieler, sondern wurden landesweit an Thai-Grundschulen per Zufall gefunden. So wurde Jeab zum Beispiel beim Fußballspielen auf dem Schulhof entdeckt und eine der Schlüsselszenen im Film ist ja das Fußballspielen.
Die Darsteller des Jeab (“Nack” Charlie Trairat) und der Noi Nah (“Focus” Jeerakul) sind jetzt schon “Superstars” in ihrer Heimat.
Auch die sehr gute Filmmusik leistet ihren Beitrag zur atmosphärischen Tiefe des Films.
Im Anschluss an die Filmvorführung konnte man den sechs anwesenden Regisseuren aus Thailand noch Fragen stellen. Ich fragte, warum man am Ende des Films Noi Nah nicht als Erwachsene sieht; die einleuchtende Antwort: das Ende ist ganz bewusst so gewählt, da sie wollten, dass man die erste große Liebe so im Herzen und in der Erinnerung behält, wie sie war.
Carsten Naß
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